Geistliches Wort
Überraschung, liebe Leserinnen und Leser!
Gott kommt, es wird Weihnachten.
Die es am wenigsten erwartet haben, die erfahren es zuerst. Was da geschehen ist, wird „Hirten erst kundgemacht durch der Engel Halleluja…“ Ausgerechnet die Hirten! Hirten sind doch das Letzte. Warum sollen wir es als erste erfahren? fragen sie. Eben darum, antwortet der Engel. In den Deckengemälden des Colegiata Real in Leon aus dem zwölften Jahrhundert ist dieser Augenblick festgehalten. He! Ihr da! Euch ist ein Kind geboren! Das ist Eure Rettung!
Ratlos erscheint mir der Hirte in der Mitte des Gewölbes. Das bringt doch alles durcheinander, wenn die Letzten die Ersten sind. Die Welt scheint auf dem Kopf zu stehen angesichts dieser Mitteilung. Verwirrend wirkt die Perspektive im Deckengewölbe. Von unten betrachtet – denn anders ist sie nicht zu sehen - zeigt die Malerei, dass es unten und oben nicht wirklich gibt. Die Geburt Jesu, erzählt genau davon: dass die (Un-)Ordnung von unten und oben aufgehoben ist.
Wo ich es am wenigsten erwartet hatte, war Gottes Gegenwart spürbar. Gleich nebenan. In der Basilika San Isidoro, an diesem Ort, wo seit tausend Jahren Reliquien verehrt werden, zerbricht mein protestantischer Protest gegen diesen Aberglauben am Glauben, an der Stille, an den Gebeten, die diesen Raum füllen. Gott ist da, aller Besserwisserei zum Trotz.
damals
als gott
im schrei der geburt
die gottesbilder zerschlug
und
zwischen marias schenkeln
runzelig rot
das kind lag
kurt marti, weihnacht
Wie ich es am wenigsten erwartet hatte begegnete mir hier Christus: in Gestalt einer alten Frau, die mich vor der Kirche zu sich winkte. Dass ich kaum Spanisch sprach, zählte nicht. Sie hakte sich bei mir ein, damit ich sie zu ihrer residencia begleite - ganz langsam auf wackeligen Beinen, mit ganz kleinen Schritten - und erzählte mir aus ihrem Leben. Dass ich kaum die Hälfte verstand, zählte nicht.
Sie war da. Ich war da. Gott war da. Basta.
Gott kommt: in menschlicher Gestalt zuweilen, sehnsüchtig erwartet, überraschend. Für die Adventszeit, zu Weihnachten und für das neue Jahr wünsche ich Euch und Ihnen viele solche menschlich-göttlichen Begegnungen, in denen wir erkennen können: Stimmt ja! Gott kommt! Gott ist da!
Ihre/Eure Pastorin Ulrike Kurzweg
