Predigt

 

Andacht zur Eröffnung der Internationalen Krippenausstellung im Hammer Gemeindehaus, Weihnachten 2011

Wir sind hier inmitten von Krippen. Jede anders. Und jede erzählt etwas von den Menschen, die sie gemacht haben. Von ihrem Leben, von ihrer Welt. Und wie Gott mitten darin ist. Ganz Mensch geworden.

 

Als ich so darüber nachgedacht habe, da ist mir wieder eingefallen, was mir die Hirten mal erzählt haben.

Alles fing an mit dem Weihnachtsevangelium:

 

Als die Engel von ihnen gen Himmel fuhren, sprachen die Hirten untereinander: Laßt uns nun gehen nach Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat.

 

Na ja, und dann machten sie sich auf. Und sie gingen einen weiten Weg, um das Kind zu finden, von dem ihnen die Engel erzählt hatten. 

Nun ist es so, daß in diesen alten Tagen der Weg von den Feldern zur Krippe auch durch Hamm führte, wie jeder weiß. Und so kamen sie eines Tages aus Richtung Süden über die Elbbrücken, die Veddel hatten sie schon hinter sich. Es war ein grauer Tag, und der Verkehr war dicht. LKW reihte sich an LKW. Andere Fußgänger trafen sie da gar nicht. Sie waren die einzigen, die ständig wieder naßgespritzt wurden. In der Ferne sahen sie die Elbphilharmonie glitzern. Aber ihr Weg führte sie anders.

Durch den Heidenkampsweg kamen sie. Sehr zugig war es dort.

Für einen Moment suchten sie Zuflucht in einem der Bürohauseingänge. Sie hatten gesehen, daß da schon jemand saß. Und so schien ihnen der Ort günstig. Es war ein älterer Mann. Neben sich einen Einkaufswagen mit all seinen Habseligkeiten. Sie setzten sich dazu. Ein bißchen Pause würde ihnen guttun.

Sie kamen ins Gespräch. Und er erzählte aus seinem Leben, warum er hier saß, was ihn aus der Bahn geworfen hatte. Und wovon der träumte. Nach Norwegen wollte er so gerne. Aber wie dorthin kommen mit einem verlorenen Leben und ohne rechte Kraft in den Beinen. 

Auch die Hirten erzählten von ihrem Ziel. Und wie sie so erzählten, da dachte er sich, daß er sich ja eigentlich anschließen könne. Immerhin sei Bethlehem ja nicht weit von Norwegen entfernt. Und schlechter als hier könne es dort auch nicht sein. So zogen sie am Ende gemeinsam weiter. Und er schob seinen Einkaufswagen. An der Süderstraße bogen sie ab Richtung Osten.

 

Es muß dann kurz vor dem Borstelmannsweg gewesen sein, als sie von einer jungen Frau angesprochen wurden, die dort frierend stand. Ob nicht jemand von ihnen ein bißchen Spaß haben wolle? Es sei ja auch kalt, und dann würde ihnen wieder etwas wärmer werden.

Aber die Hirten lehnten dankend ab, sie wollten lieber keine Zeit verlieren. Seit der letzten Pause waren sie ja noch nicht weit gekommen. Sie erzählten von dem Engel. Und daß sie schnell zu dem Kind wollten und jetzt weitermüßten. 

Da bemerkten sie, daß der jungen Frau Tränen in den Augen standen. Denn sie dachte an ihr eigenes Kind, das sie einmal zurückgelassen hatte und das sie jetzt so gerne bei sich gehabt hätte. Aber wie hätte das gehen sollen?

Ob sie nicht mitkommen wolle auf dem Weg?, fragten die Hirten. Nein, das ginge nicht. Sie könne hier nicht weg. Die würden sie überall finden, selbst in Bethlehem. Aber sie nahm ihr Kreuz ab, das sie an einer silbernen Kette trug, und drückte es einem der Hirten in seine zerfurchte Hand. Zu ihrer Taufe habe sie es bekommen, meinte sie. Als noch alles gut war. Und sie wolle es dem Kind schenken, vielleicht würde sein Leben glücklicher als ihres.

 

So zogen sie weiter. Aber so richtig weit kamen sie nicht. Denn schon vor der Moschee am Borstelmannsweg trafen sie auf einen jungen Mann, der sich das Leben nehmen wollte. Alle wollten ihn stark sehen. Ein Mann dürfe keine Schwäche zeigen, hatten sie ihn gelehrt in seiner Kultur. Aber er war es nicht. 

Die Hirten haben mir seine Geschichte erzählt, aber sie ist zu lang für heute. Am Ende ging er jedenfalls auch mit, als er hörte von dem schwachen Kind und spürte, daß die Hirten ihn verstanden und ihn nicht verurteilten in seinem Wunsch, nicht mehr zu leben. Zwar kam er nicht ganz bis nach Bethlehem, denn als sie in Wandsbek am Krankenhaus vorbeikamen, ließ er sich dort einweisen. Den Hirten war er aber dennoch dankbar, daß sie ihn mitgenommen hatten. Denn so hatte er die Ärzte gefunden, die ihm helfen konnten. 

 

Ach, die Hirten haben mir noch so viel erzählt von ihrem Weg durch Hamm. Vor der Kita trafen sie die junge Mutter, die völlig geschafft war von der vielen Arbeit für fast kein Geld und der Verantwortung für ihre beiden Kinder, deren Väter sich aus dem Staub gemacht hatten. 

Sie müsse mal raus aus allem, sagten die Hirten ihr. Einfach mal was anderes sehen. Und zwei nahmen die Kinder bei der Hand, was leicht war, weil die Lämmer, die sie dabeihatten, so spannend für sie waren. Und ein dritter setzte die junge Mutter in einen kleinen Wagen, den er zog. Jede Widerrede verbat er sich. Sie solle sich jetzt einfach erstmal ausruhen. So eine kleine Reise nach Bethlehem würde ihr guttun. Und was soll ich sagen? Sie schlief sofort ein. Das war ihr lange nicht mehr passiert.

 

Zwischenzeitlich sammelten die Hirten dann noch drei Trinker auf, die sie oben an der Bank am Kreisel trafen. Aber die kamen nicht weit mit, obwohl sie wollten. Sie waren einfach zu unsicher auf den Beinen. Später kämen sie dann nach, meinten sie, später. Doch immerhin holte jeder von ihnen einen kleinen Schokoladenweihnachtsmann aus seiner Jackentasche. Den hatte eine mitleidige ältere Dame ihnen geschenkt auf ihrem Weg zum Markt. Die Hirten sollten sie dem Kind mitbringen. Vielleicht könne es ja mal an sie denken, meinten sie.

 

Und so zogen sie weiter. Kurz kehrten sie noch ein in der Schlachterei am Hasselbrookbahnhof und stärkten sich. Eigentlich hatten sie in der Kirche am Quellenweg rasten wollen. Aber die war leider geschlossen gewesen. Wie oft hatten sie das erlebt auf ihrem Weg! 

Der Meister war nicht ganz so begeistert ob dieser Gesellschaft in seinem Laden. Aber er dachte sich, wer weiß schon, wie das Leben ihnen so mitgespielt hat, und sagte nichts. Und als sie gerade gehen wollten, da steckte er ihnen noch schnell ein Lunchpaket für unterwegs zu. 

 

Na ja, und so verließen sie Hamm wieder. Und endlich kamen sie an in Bethlehem. Zusammen mit vielen anderen, die sich auch aufgemacht hatten.

Und sie alle standen an der Krippe. Jeder mit seiner Geschichte. Und sie schauten das Kind an. Es war, ehrlichgesagt, eine merkwürdige Gesellschaft. Aber noch merkwürdiger war, daß sie spürten, wie Gott mit ihnen war. Und irgendwie war das Leben anders seitdem.

 

Das kleine goldene Kreuz gaben sie übrigens erstmal Maria, denn so eine Kette war doch zu gefährlich für einen Säugling. 

Und die Schokoladenweihnachtsmänner, die bekam Josef. Und der hat sich auch gefreut. Gott sei Dank!

 

Johannes Kühn

 

Predigt

 

Predigt am 1. Weihnachtsfeiertag, 25.12.2011, Dreifaltigkeitskirche

über 1. Joh. 3, 1-6

 

Liebe Gemeinde,

„Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, daß wir Gottes Kinder heißen sollen. Und wir sind es auch!“

Was für eine Botschaft an diesem Morgen! Seht hin, schaut genau hin. Nehmt das an, was Gott euch schenkt: diese wunderbare, unerklärliche, unbegreifliche, unbeschreibliche Liebe Gottes. Er wird Mensch in einem Kind – und wir dadurch Gottes Kinder.

 

Wir – Gottes Kinder. Wir sind es. Johannes verstärkt das extra. Damit keine Mißverständnisse entstehen. Und das müssen wir unbedingt und gegen alle Einwürfe bewahren und festhalten! Es geht nicht darum, etwas zu werden. Sondern darum, etwas zu sein. Das ist der Grund und Boden, auf dem wir stehen. Unumstößlich. Wir sind Gottes Kinder. Keine Macht der Welt kann das auflösen.

 

Nicht wenige Menschen arbeiten sich ein Leben lang daran ab, den eigenen Eltern gerecht zu werden. Sie arbeiten sich daran ab, irgendwie sich die Liebe zu verdienen, nach der sie sich sehnen. Es gibt so viele, die das seit frühester Kindheit gelernt haben: Liebe muß man sich verdienen. Kindschaft will erarbeitet werden. Du bekommst alle Liebe, wenn du dich richtig verhältst!

Manchmal wird das offen ausgesprochen, aber viel öfter geschieht das ja unausgesprochen im verborgenen. Als Hintergrundmelodie des Lebens sozusagen. Leiste etwas-, dann erkennen wir dich an!

Und dann wird daraus ein Leben mit dem Gefühl, eigentlich nie zu genügen. Eigentlich immer noch mehr tun zu müssen, um anerkannt zu sein. Um geliebt zu sein. Um einmal zu hören: Du darfst sein, der du bist. Und es ist gut.

Glücklich all die Menschen, die einfach als geliebte Kinder großwerden konnten. Die alle Freiheit hatten, sich auszuprobieren, was geht im Leben. Ohne Angst, etwas an Liebe zu verlieren. 

Und wie schwer haben es die anderen, sich immer durchzukämpfen. Immer kämpfen, um Kind zu sein.

 

Und das in einer Gesellschaft, die das ja genauso macht. Wo Bewunderung denen zuteilwird, die es scheinbar geschafft haben im Leben. Und Mitleid, wenn es gutgeht!, den anderen. Wo der Wert des Lebens oft genug an Doktortiteln oder anderen für alle sichtbaren Leistungen gemessen wird. So als ob der Mensch der Bessere wäre, der so etwas vorweisen kann. 

Manchmal habe ich das erlebt in Gesprächen, wenn von den Kindern erzählt wird. Der eine ist Doktor da und da geworden, der andere hat einen höheren Posten bei der EU.

Und man merkt, wie jemand anderes daneben immer stiller wird. Und dann erzählt sie: der eine Sohn ist arbeitslos geworden, weil seine Werft geschlossen hat, die Tochter hat Arbeit in einer Wäscherei. Leise erzählt sie, so als ob das weniger wäre. Mit dem Gefühl, nicht mithalten zu können. Nicht geschafft. Schade.

 

Es ist grausam, was da mit Menschen gemacht wird. Manchmal bewußt, aber viel öfter ja ganz unbemerkt. Gar nicht böse gemeint. Aber doch grausam.

 

Wie gut, liebe Gemeinde, daß wir mitten drin in all diesen Erfahrungen die ganz andere Botschaft hören dürfen: Bei Gott ist es anders. Da mußt du nichts werden. Da darfst du sein Gottes Kind.

Es ist die Botschaft davon, daß Gott Menschen einfach anerkennt. Einfach so. Einfach, weil sie dasind. Und nicht, weil sie etwas geleistet haben. 

Schwer begreiflich, zugegeben, weil es bei uns so anders ist. Aber gerade deshalb so heilvoll. Und wie sähe unsere Welt aus, wenn wir davon allesamt weitergeben würden!

Denn, auch das müssen wir ja mal sagen, was bringen wir schon mit als Menschen in unserer Geschichte? Es ist eine Geschichte voller Kriege um Dinge, die kein einziges Menschenleben wert sind. Eine Geschichte voller Kämpfe und Auseinandersetzungen. Voller Grausamkeiten und Lieblosigkeit.

Klar, auch eine Geschichte von menschlicher Größe immer wieder mittendrin. Aber doch am Ende keine, von der wir sagen könnten, so habe sich Gott das gedacht für die Menschen, die er gemacht hat.

Eine Geschichte, die wieder und wieder Menschen zu Boden tritt und sich gegen Gottes Willen stellt. Wir kommen nicht daran vorbei, uns das vor Augen zu halten, auch Weihnachten nicht. Oder gerade da nicht. Denn die Liebe Gottes in ihrer ganzen Größe können wir niemals auch nur ansatzweise begreifen, wenn wir ausblenden, wer der Mensch ist vor Gott.

 

Denn das feiern wir doch heute: daß er hineinkommt in genau diese Geschichte. Daß er seine Geschichte mit der menschlichen Geschichte verbindet. Daß er Mensch wird mitten in all der Menschlichkeit und der Unmenschlichkeit.

 

Seht euch die Menschen an! Was ist das für eine Liebe, daß er nicht sagt: das geht mich doch nichts an! Schließlich gehe ich euch ja auch nichts an. Seht zu, wie ihr euer Leben irgendwie durchbringt.

Sondern daß er gar nicht danach fragt und einer von uns wird. Ein Menschenkind. Abhängig von der Zuwendung und Liebe seiner Eltern. Mittendrin mit seinem Leben in unserer Geschichte. Ein Gotteskind unter Gotteskindern. Was ist das für eine Würdigung des menschlichen Lebens, daß Gott Mensch wird. Und daß er uns darin sagt: Du bist mein Sohn. Du bist meine Tochter! Du hast nichts dazu getan, und das geht auch gar nicht. Man kann nichts dazu tun, Kind zu sein. Du bist es. Du bist mein Kind.

 

Der Blick auf das Leben, liebe Gemeinde, ist ein völlig anderer, wenn uns aufgeht, was das bedeutet. „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, sagt unser Grundgesetz so wunderbar. Und hier hat das seine Grundlage. In der Würdigung des Menschen durch Gott.

Gewürdigt wird nicht der Mensch, der sich anstrengt, bei Gott zu sein. Gewürdigt wird nicht der Mensch, der sein Leben in besonderer Frömmigkeit gestaltet. Gewürdigt wird nicht der Mensch, der in seinen Händen eine Summe guter Taten hält. Gewürdigt wird der Mensch. Einfach, weil er ist. Weil er geliebt ist. Gottes Kind. Einfach so.

 

Es ist etwas Unfaßbares, was wir als Christen bezeugen dürfen. Und was wir leben können. Und wie wir die Welt gestalten können. Als eine Welt, in der die Würde des Menschen nicht angetastet wird. In der wie uns freuen, wenn jemandem etwas gelingt. Aber in der wir seinen Wert nicht daran bemessen.

Machten wir ernst mit dieser Botschaft, die uns heute wieder in Herz und Hand gelegt wird, dann würde ein gewaltiger Ruck durch unser Land gehen. Seht, welche Liebe hat uns der Vater erwiesen, daß wir Gottes Kinder heißen sollen. Und wir sind es auch!

Ich hätte keine Konfirmanden mehr, die von sich sagen, daß ihr Leben ja sowieso nichts wert ist. Ist das nicht furchtbar, wenn Jugendliche sich mit solchen Augen anschauen?

 

Aber es ist halt auch nicht so leicht mit dieser ungeheuren Weihnachtsbotschaft. So viel steht ihr entgegen. Auch in uns selbst!

Bin ich es denn wirklich wert? Habe ich denn wirklich genug getan? Ist mein Leben denn wirklich so, daß Gott es ansehen mag? Kann es wirklich sein, daß Gott mich ansieht? Mich? So wie ich bin?

Wie geht das zusammen, mein Leben, dessen Abgründe zum Glück nicht jeder kennt, aber Gott doch allemal, und die Zusage ich könne sein Kind sein?

Es geht genauso zusammen, liebe Gemeinde, wie in den Familien, in denen Kinder einfach geliebte Kinder sein können, ohne sich das verdienen zu müssen.

 

Es ist eine Zusage. Eine gelebte Zusage. Und wie es darunter aussieht, das ist nicht bedeutungslos. Aber für die Zusage spielt es keine Rolle. Es spielt keine Rolle dafür, daß ein Vater oder eine Mutter sagt: Du bist doch mein geliebtes Kind!

 

So verstehe ich das, was Johannes in seiner Denkwelt viel komplizierter erklärt. „Wir sind Gottes Kinder“, sagt er, „nur sichtbar geworden ist es noch nicht.“

Gottes Kinder sollten aussehen wie Gottes Kinder. Ihm wie aus dem Gesicht geschnitten. Und das ist leider nicht der Fall.

 

Und so ist das eine Wirklichkeit, die wir nicht sehen können, die wir nur glauben können. Kinder sind manchmal überrascht, daß sie nach der Taufe genauso aussehen wie vorher. Und doch gilt die Wirklichkeit: Dein Leben ein geliebtes Leben Gottes. Du darfst dich so ansehen, auch wenn du es nicht siehst.

 

Was für ein Geschenk, daß wir das heute wieder hören dürfen. Einfach so. Ohne irgendwelche Voraussetzungen.

Und daß diese Botschaft aller Welt verkündet wird. All denen, die sich verloren glauben. All denen, die meinen, nichts zu sein. Und denen Gott doch so nahe kommt. Die er zu seinen Kindern macht und sie an sein Herz drückt.

 

Noch eins, liebe Gemeinde: 

Natürlich verändert uns das. Es kann doch gar nicht anders sein. Liebe verändert immer. Wie sollte es uns nicht verändern, wenn wir einmal ergriffen sind von der Liebe? Wie könnten wir nicht anfangen, unser Leben in Liebe anzuschauen?

Ich kann mir nicht vorstellen, daß Maria nach der Erfahrung der Geburt die gleiche war wie vorher. Und Josef, nachdem er das Kind im Arm hatte. Und die Hirten, nachdem sie die Engel gehört und das Kind in der Krippe gefunden hatten.

Das verändert doch.

Es ist nicht das gleiche, ob wir einfach leben, oder leben und wieder und wieder hören dürfen: Du bist etwas! Das verändert.

 

Und so kann ich auch diesen harten Satz hören, der vielleicht manchem im Ohr geblieben ist: „Wer in ihm bleibt, der sündigt nicht.“

Es ist ein Satz des Glaubens. Bei Gott sind wir seine Kinder, ihm wie aus dem Gesicht geschnitten. Nur: wir sehen das an uns nicht unbedingt. 

Vielleicht ein bißchen. Aber vielleicht nicht mal das. Vielleicht erleben wir an uns eine Veränderung. Vielleicht gelingt uns manchmal ein bißchen. Aber vielleicht nicht einmal das.

Ich will nichts sagen, daß das nichts macht. Es ist schlimm, wenn wir wollen, und es uns doch nicht gelingt, als Kinder Gottes zu leben. Schlimm für die anderen, und schlimm für uns selbst. Das tut weh. Das macht Angst. Und manchen läßt es verzweifeln.

 

Aber wißt Ihr: Gott hatte keine Angst vor der Sünde des Menschen. Sonst wäre er nicht Mensch geworden. Aber das ist er ja. Und das feiern wir. 

Und deshalb sollten wir selbst auch keine Angst davor haben.

Gott sei Dank!

Amen

 

Johannes Kühn

 

 

Predigt

Christmette 2011, Dreifaltigkeitskirche zu Hamburg-Hamm

Predigt über Jeremia 7, 10-14

 

Liebe Gemeinde,

eingekehrt sind wir hier noch einmal in der Nacht, um uns hineinnehmen zu lassen in dieses große Geheimnis, daß Gott Mensch wird. Daß er nicht oben bleibt im Irgendwo, daß er nicht unantastbar und unangreifbar vom Paradies aus auf uns herunterschaut. Sondern daß er eingeht in die Welt. Daß er mitten hineinkommt.

Und noch mehr: denn er kommt ja nicht in göttlicher Gestalt –  verkleidet, aber göttlich, – sondern er wird Mensch. Geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben.

Wer will das fassen? Und doch sind wir hier, um es zu fassen. Um irgendwie zu verstehen, was das bedeuten kann. Und wenn schon nicht wirklich verstehen, dann doch einzutauchen in diese alten Geschichten, hineingenommen zu werden in sie; umfangen zu werden von dem, was uns da geschenkt ist. Und zu ahnen: Wir sind Teil dieser Geschichte.

 

Gott nimmt unsere kleine oder große Lebensgeschichte in seine hinein. Unsere Geschichte. All unsere kleinen Geschichten und die großen. All unsere wunderbare Menschlichkeit,  und unsere Unmenschlichkeit auch. All das, was wir an uns lieben, und auch das, was wir an uns hassen.

Es ist hineingenommen in seine Geschichte.

Er ist hineingekommen in genau diese Geschichte.

Kein Gott, der Unterwerfung fordert oder Gehorsam als Bedingung. Sondern einer, der kommt. Unaufdringlich, ohne Macht, ohne Glanz und Gloria. Einer, der sich verbindet mit uns. Und den wir, wenn wir ihn finden wollen, nicht in den Wolken suchen dürfen, sondern dort, wo Menschen sind. In ihren Geschichten, in ihren Gesichtern, in ihrem Leben, - und in unserem Leben.

Dort ist er hineingekommen, damit wir ihn finden. Damit wir ihn finden wie er ist: Gott mit uns.

 

Es ist ein weiter Bogen, den die Texte dieser Nacht spannen:

Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Er ließ eine Welt entstehen und mitten drin seinen Menschen. Und siehe: es war sehr gut. Eine friedliche Welt und der Mensch ein Bild Gottes als Mann und Frau. Keine Fragen, keine Sorgen, keine Feindschaft. Nur Leben.

Aber es blieb nicht so. Der Mensch wollte mehr. Nicht nur sein, sondern erkennen. Tiefer eindringen. Nicht nur hinnehmen, sondern gestalten. 

Und er erkannte. Und Angst kehrte ein. Denn es war vorbei mit dem Frieden. Die Welt schien sich gegen den Menschen zu stemmen. Und der Mensch mußte sich gegen die anderen Menschen behaupten.

So begann eine menschliche Geschichte, in der das Bild Gottes suchte nach dem Gott, dessen Bild er war. Und er entdeckte Macht und Grausamkeit, aber auch Größe und Schönheit. 

Es begann eine Geschichte voller Widersprüche. Voller Kämpfe und Kriege und immer wieder auch voller Hingabe und Liebe. Eine Geschichte der Suche nach Gott und der Fragen.

Wo sollen wir dich finden? Wie sollen wir das machen: Dich finden, der du doch alles schufst?

Bilder wurden dabei zu Göttern. Und meist endete es grausam. Menschen wurden zu Göttern erklärt und Völker zu Herrenrassen. Und das endete noch grausamer.

Und doch bleibt immer die Frage: wo bist du, Gott? Und wie? Wo sind deine Zeichen, daß wir etwas haben, was wir fassen können?

 

Und so sehen wir heute nacht auch König Ahas vor dem Toren seiner Stadt Jerusalem. Die Belagerer sind nicht mehr fern, und er inspiziert die Befestigungsanlagen. Wird es reichen?

„Fordere ein Zeichen von Gott!“, sagt ihm der Prophet. „Irgendetwas, was du willst.“

 

Ein Zeichen. Das wäre schön. Eindeutigkeit und Klarheit. Nie mehr zweifeln, nie mehr denken. Endlich wissen und alles verstehen. Keine Fragen mehr, warum werde ich krank? Warum ist mein Leben so schwierig? Warum ist alles so ungerecht?

Nur ein Zeichen -, und alles ist geklärt. Eine Sicherheit, auf die man bauen kann.

 

Fordere ein Zeichen!

Aber dann kommt die Angst. Und wenn Gott ganz anders ist, als ich mir das gedacht habe? Wenn ich merke, daß ich gar nicht auf der richtigen Seite bin? Wenn Gott gegen mich steht und gegen mein Leben? Wenn er gar nicht will, was ich möchte und wünsche?

Zu viel Nähe Gottes kann auch gefährlich sein. Vielleicht kann ich anschließend gar nicht leben, wie ich möchte? Vielleicht läßt sich der Gott, der sich zeigt, nicht so leicht in die Tasche stecken und dorthin tragen, wo ich ihn haben will, wo alles läuft, wie geschmiert?

Als es ernst wird, verzichtet Ahas lieber auf ein Zeichen. Und damit ist er nicht alleine. Er bleibt doch lieber bei sich. Vielleicht ist es doch besser, sich Gott irgendwie vorzustellen, als zu genau zu wissen, wer er ist…

 

Da wird ein Kind geboren. Immanuel heißt es. Gott mit uns.

Und wo immer Ahas fortan diesem Kind begegnet, da hört er es, dieses: Gott ist mit uns. Er ist da, in der Welt. Gott ist da. Und mit ihm auch der Zuruf: ich bin mit euch.

Aber weiß man es wirklich? Es kann auch alles Einbildung sein. Ein schöner Schein. Und außerdem: Wie oft ist das „Gott mit uns“ auch schon Rechtfertigung für Grausamkeiten gewesen?

 

Und so geht sie weiter die Geschichte des Menschen. Und im Moment schreiben wir sie. Vielleicht besser als die vor uns. Vielleicht schlechter. Vermutlich genauso wie alle vor uns. Suchend und fragend und kämpfend, liebend und leidend. Klein und großartig.

Es ist unsere Geschichte. Jeder von uns bringt seine heute mit. Und in diesem Moment, wo wir alle hier sitzen, sind sie für einen Augenblick miteinander verbunden.

Und alle hineingenommen in diese Botschaft: Du suchst Gott? Du willst ihm begegnen und hast doch Angst? Er ist da. In deiner Geschichte. Mittendrin.

 

Damals ist er gekommen in diesem Kind im Stall. Kein Zeichen, vor dem du Angst haben müßtest. Kein Zeichen, in dem dein Leben zerstört wird. Kein Gott, der sich aufbaut vor dir in aller Größe.

Ihm brauchst du nicht auszuweichen. Du kannst einfach eintreten und ihn fassen. Und es schauen, dieses Wunder: Da ist Gott im menschlichen Leben. Mittendrin.

Deine Geschichte ist ein Teil der Gottesgeschichte geworden.

 

Du willst Gott finden? Du suchst seine Zeichen? 

Schau dich an. Schau an, was Wunderbares Gott mir dir in die Welt gestellt hat. Wie er die Welt begabt hat mit dir!

Und schau die Menschen um dich an, was Wunderbares Gott mit ihnen in die Welt gestellt hat. Und wie der die Welt begabt hat mit ihnen.

Und dann schau an, wie Gott auch all das annimmt, was nicht wunderbar ist. An dir. Und an den anderen. Wie er dem nicht ausweicht. Wie er es nicht wegdrängt. Wie er dich nicht vernichtet. Und nicht den neben dir.

Wie er mitten hineinkommt. Voller Liebe. 

 

Das ist sein wunderbares Zeichen.

Gott mit uns. Der Retter ganz mit uns.

 

Vielleicht fassen wir es gar nicht, dieses Wunder. Wer kann das schon?

Gott nimmt auch das an. Gott sei Dank!

 

Amen

 

Johannes Kühn

Predigt

 

Predigt im Dankgottesdienst zum Abschluss der Kirchensanierung Dreifaltigkeitskirche am 4.12.2011

 

Liebe Festgemeinde!

 

Ihr lieben Christen, freut euch nun!“ Ja, wir freuen uns!  Mit Chören, Pfeifen und Trompeten. Was für ein freudevoller Auftakt des neuen Kirchenjahres ist das hier in Hamm! Um es mit Haydn zu singen: Vollendet ist das große Werk!  Der Turm, die Westwand, das Kirchenschiff - die Hammer Dreifaltigkeit steht wieder in solider Pracht. Symbolstark, mit ihrem eigentümlich herben Charme. Endlich ist sie fertig. Nach fünfjähriger harter Arbeit, unzähligen Anträgen, Bauabschnitten, Nervenzerrüttungen, lauten Geräuschen und leisen Verzweiflungen, liebe Frau Billig, lieber Herr Kittlitz und lieber Kirchenvorstand und alle die noch daran mitgewirkt haben – vollendet ist das große Werk! Vorbei die Kälte, die ungemütlichen Gerüste, (und fast vorbei) das Leben auf der Baustelle. Vollendet ist das Werk. Wenn es auch nicht ganz an die Schöpfung heran reicht (– wunderbare Musikauswahl, liebe Frau Kraatz-Lütke! –) so ist doch jetzt allemal zu genießen und dankbar zu feiern, was man geschafft hat. Miteinander. Und mit Gottes Hilfe, versteht sich. So sind wir, liebe Festgemeinde, heute eingeladen, das alles mit Freude und in Ruhe anzuschauen und zu würdigen. Sehr gut. Alle Achtung. Da haben viele Leute ihre Sache richtig gut gemacht. Im  2. Buch Mose steht über den himmlischen Schöpfer und Erbauer unserer Welt der schöne Satz: Und am siebenten Tag atmete Gott auf. So als würde er sich zurücklehnen und seiner Zufriedenheit Luft machen.

 

Daran sollen wir uns ein Beispiel nehmen. Gerade zum Advent. Gerade jetzt, wenn alles anfängt eilig zu werden in dem Bemühen, ein friedliches Willkommensfest für den Heiland auszurichten. Nein, keine Eile jetzt. Das andere ist dran. Die Betrachtung. Das Innehalten. Das Schönfinden und gut sein lassen. Die Feier des Gelungenen. Die Feier auch des kleinen Makels.

 

Was wären wir in unserem Leben ohne Orte wie diesen? Orte, an denen wir aufatmen können. An denen unsere Gedanken, Sorgen, Gebete, unsere unperfekten Seiten Obdach bekommen. Wie viele Menschen haben hier mit ihrem Innersten in dieser Kirche Heimat gefunden! Was wären sie, was wären wir ohne solche bergenden Mauern, die uns vergewissern, dass wir ein Fundament haben, auf das wir bauen können? Gerade wenn die Baustellen unseres Lebens uns Nerven um Nerven kosten, brauchen wir diese Orte der Erbauung. Die Zusage, dass es guten Grund gibt zu leben. Das macht einen sicher, um den Weg weiter zu gehen. Um den Aufbruch zu wagen – immer wieder neu. Denn auch das ist Advent: die Hoffnung auf eine andere, neue Zeit. Wir warten innig auf den Aufbruch aus dem, was war.  

 

Mir kommt der Gedanke, dass Sie dies hier in Hamm ja hautnah erleben: Der Außenbau der Kirche steht. Und es ist für mich immer wieder beeindruckend, wie durchkomponiert dieser Kirchenbau ist. Wie sehr er symbolisiert, dass Christus der wahre Herrscher der Welt ist. Er ist das A und O. Er segnet unsere Anfänge und begleitet uns bis zum Ende. Und eingebunden zu sein in diese Mauern des A und O bedeutet deshalb: Wir sollen ein Segen sein. Er hat uns nicht ohne Aufgabe gelassen.

 

Denn im Inneren muss noch einiges gemacht werden. Damit meine ich nicht nur die Orgel und das eine oder andere Gestaltungsprojekt. Nein, es geht auch im das Innere der Gemeinde. Mit viel Mühe und Geduld haben Sie alle miteinander vier Kirchen zu einer geführt, haben nun eine fusionierte Gemeinde mit einen soliden Haushalt, arbeitssamen Pastoren, aktiven Ehrenamtlichen – gut so. Alle Achtung. So vieles hat man über die letzten Jahre in den Bezirken der Paulus-, Simeon- , Dankeskirche und der Dreifaltigkeitskirche entdecken können. Und nun, ja nun – gilt es auch diesen Schatz zu heben. Mit den alten und den neuen Gaben zu haushalten. Damit man bei Kräften bleibt. Und mit Freude arbeitet. Und Licht ist auf dem Wege derer, die einen so sehr brauchen.

 

Dazu braucht wir selbst guten Grund. Auch wenn es widersprüchlich klingt:  Wir müssen uns verankern können, um uns innerlich zu bewegen. Jesus sagt am Ende seiner Bergpredigt im Matthäusevangelium klar, wie das geschehen soll:  „Wer diese meine Rede hört und tut sie, der gleicht einem klugen Mann, der sein Haus auf einen Fels baute. Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und die Winde wehten und stießen an das Haus, fiel es doch nicht ein; denn es war auf Fels gegründet.“

 

Wer auf mich hört …In diesen vier Worten steckt der Kern des Evangeliums. Es bedeutet uns heute adventliches Aufatmen: Nimm dir einmal einen Augenblick Zeit, in dich hinein zu hören. Nimm dir Zeit, inmitten der tobenden Welt und ihrem Getöse deinen Grund zu finden, auf dem und für den du lebst. Worauf baust du? Wer ist dein Fels? Dein Schirm und Trost, wenn die Wasser kommen und die Winde wehen? Auf wen, sag, hörst du, was leitet dich in deinem Tun? Jesus fragt nach dem, was uns trägt, aber auch was uns treibt. Er trifft uns damit im Innersten. Denn dass das Lebenshaus, das persönliche wie das der Weltgemeinschaft, in große Erschütterung geraten kann, haben wir in den letzten Monaten erlebt. In Fukushima, Ägypten, Syrien, Afghanistan. Und hautnah haben sicher auch viele hier Erschütterungen erfahren und sie über die Jahre hin mitgenommen in diese Kirche, vor diesen Altar, ins Gebet. Mag sein, die Krankheit. Das Hinfallen. Mutlosigkeit. Karriereknicks. Schnellen Tod. Langsames Sterben. Getrennte Liebe. Aber auch Geburt und Neuanfang und umstürzende Wunder.

 

Gott ist der Fels in den Orkanen der Seele, sagt an diesem Ort das Evangelium.

Gott ist der Stern, der deine Nacht durchbricht.

Gott ist der Himmel, der uns am Ende in die Arme schließt.

Gott ist die Sonne, die jeden Tag neu über deinem Zorn aufgeht - in dem Versuch ihn zu erwärmen.

Gott ist der Grund, der dein Lebenshaus trägt.

Wer auf Gott traut, hat nicht auf Sand gebaut.

Er ist A und O, in dulci jubilo. Grund zur Freude.

 

So klar ist die Rede Jesu, so eindeutig und unkompliziert. So gültig. Das liegt auch daran, dass es unterhalb des Gesprochen eine tragende Schicht gibt. Es gibt ein Fundament, auf dem das Gleichnis steht. Auf dem auch diese Kirche Christi steht. Ein Fundament, das man nicht sehen kann, und dennoch alles trägt. 

 

Und das ist die Bergpredigt. Die schönste Rede, die je auf dieser Welt gehalten wurde. Und die aufrüttelndste. Von ihr predigt auch diese Kirche und spricht den Menschen ein „Fürchtet euch nicht!“ nach dem anderen zu. Selig seid ihr. Kostbar wie das Salz der Erde seid ihr, gerade wenn ihr traurig seid, selbstverloren, ohnmächtig und ins Unrecht gesetzt. Und wenn es Momente gibt, in denen du nichts mehr glaubst und niemanden mehr liebst, am wenigsten dich selbst, ja dann gibt es einen Nächsten. Er, sie liebt dich aus deiner Feindschaft heraus. Und es wird Zeiten geben, da bist du diese Nächste, dieser Nächste, da bist du der Barmherzigkeit Hand.

Wer meine Rede hört, sagt Jesus, wer mich also in sein Herz lässt, muss sich nicht sorgen, was morgen ist. Denn du bist meine Lilie, mein Augenstern. Sicher in meinen Augen. Getragen im Unerträglichen, gestillt im Schmerz, aufgehoben in der Verzweiflung. Auf diese  seine Worte zu bauen, liebe Gemeinde, sie an diesem Orte überhaupt hören und sie tun – das ist lebendige Gemeinde Jesu Christi.  In ihr rechnen wir mit Liebe, nicht nur mit Zahlen, in ihr bauen wir auf Zuneigung und Friedensfindigkeit! –  

Wer meine Worte hört und sie tut - mit diesem Gedanken beendet Jesus die Bergpredigt, die selbst Stein um Stein kunstvoll aufgebaut ist. Er ist der Schlussstein. Schlusssteine hat man einst mit zitternder und hoffnungsfroher Hand in ein Kirchengewölbe eingesetzt. Mit ihm hielt oder fiel alles...Gleich einem Gewölbe ist die Bergpredigt  ein Haus mit Himmel. So wie dieses Gotteshaus hier. Ein Haus, das unserem  Wünschen und Gut-Wollen, unserem Träumen und Sehnen Heimat gibt und Grund. Wer in diesem Haus mit Himmel wohnt, tötet nicht. Straft nicht. Hasst nicht. Schürt keine Ängste. Wer hier wohnt, will Hunger stillen. Der weiß, dass immer jemand für sie oder ihn betet. Wer hier wohnt, kann akzeptieren, dass es Zeiten gibt, die einen schwach machen können, unsicher, unansehnlich, aus der Kurve geschlagen -   alles das, bei dem wir anderen gern aufhelfen, es bei uns selbst aber kaum ertragen können.

 

Wer in diesem Haus wohnt, hofft, dass sich die Zeiten ändern. Was haben die Worte Jesu dort auf dem Berg über zwei Jahrtausende den Menschen für Kraft gegeben! So radikal und eindeutig waren seine Worte, dass man sie belacht, verhöhnt, verfremdet, entschärft  hat. Doch vergessen hat man sie nie. Sie sind wie ein Fels im Orkan der Seele und in den Aufbrandungen der Welt. Und deshalb haben sie immer Menschen bewegt. Sie furchtlos gemacht. Aufgerüttelt aus Erstarrungen. Und so können sie, können wir, die wir aus Jesu Worten leben, lebendige Steine dieses Hauses sein. Kostbare Steine, wie wir eben sind: fragend, unsicher, anstößig, vernünftig, unvernünftig, visionär, nicht kompatibel – wir sind lebendige Steine, die etwas bewegen.  Rolling Stones gewissermaßen im Namen des Herrn.

 

Haben wir keine Furcht vor diesem Tun. Davor, dass sich etwas bewegt.  Denn Christus ist A und O, der bis zum Ende da ist und jeden Anfang segnet, liebe Gemeinde. Diese Zusage steht stabil wie der Schlussstein, mitten auf der Baustelle, auf der wir uns gerade befinden. Was wirklich zählt, sagt Jesu Rede,  ist Brot, Liebe, Friede und sanfter Tod. Das hält uns fest, wenn die Platzregen der Gegenwart uns erschüttern und Stürme uns durcheinander bringen. Das hält, wenn vor uns eine Tür ist, die wir öffnen wollen. Und das hält ganz gewiss nicht nur im Advent. Denn der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahrt unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

 

Die Predigt hielt Frau Bischöfin Kirsten Fehrs

 

Predigt

Predigt zur Verabschiedung von Helen Joachim am 9.1.11

 

Liebe Gemeinde, liebe Frau Joachim,

 

mit diesem Tag gehen nun knapp vier Jahre hauptamtlicher Tätigkeit in unserer Gemeinde zu Ende. Vier Jahre, in denen Sie hier als Diakonin gewirkt haben. Heute sind viele von denen noch mal da, mit denen Sie zusammengearbeitet haben, die mit Ihnen gemeinsam hier Kinder- und Jugendarbeit gestaltet haben, im Ehrenamtlichenteam, bei den Kröten, im Kindergottesdienst, im Konfirmandenunterricht, in den Kinderchören, bei Osternächten und Freizeiten, bei Musicals und Kinderbibelwochen. Bei zahlreichen Aktionen unserer Gemeinde und darüber hinaus in unserer Region Hamm-Horn. Die meisten von euch und Ihnen wissen das alles viel besser als ich. Wir haben ja nur bloß ein halbes Jahr miteinander gehabt. Kaum dass wir gerade mal zusammen gesessen haben, um Ideen für die gemeinsame Arbeit zu entwickeln, muss ich hören, dass Sie schon wieder gehen. Aber, liebe Gemeinde, „schon wieder“, das ist ja auch nicht so ganz richtig:

20 Jahre haben Sie, Frau Joachim, in unserer Gemeinde gewirkt. Denn das weiß ich immerhin: Los ging es mit dem Kindergottesdienst und dann einem Krippenspiel. Und Helen fing damals nicht so als Schaf oder stiller Hirte oder so etwas an, nein, sie war natürlich gleich zu Beginn der Verkündigungsengel. So etwas prägt. Da ist der Weg eigentlich schon vorgezeichnet. Konfirmandenunterricht, Mitarbeit im Ehrenamtlichenteam, Diakonenausbildung, Diakonin in der Region Hamm-Horn mit Sitz im Hammer Gemeindehaus: ich meine, wie sollte das auch anders laufen. Das Gemeindehaus war ja vermutlich schon immer so etwas wie der Zweitwohnsitz.

Und nun von Hamm nach Bremen… Für den Hamburger im allgemeinen und für den Hammer im Besonderen ist das natürlich jetzt – na ja, also Bremen…, also ich will mal sagen, nicht gerade ein Wechsel ins Zentrum der Welt. Sich Wind um die Nase wehen lassen, so haben Sie das geschrieben, Frau Billig, ja, das geht da wohl. Vom Hammer Gemeindehaus nach Bremen…, na gut, ich lese noch mal den Predigttext, vielleicht wird es dann klarer:

Als Jesus hörte, dass Johannes der Täufer gefangen gesetzt worden war, zog er sich nach Galiläa zurück. Und er verließ Nazareth, kam und wohnte in Kapernaum, das am See liegt im Gebiet von Sebulon und Naftali, damit erfüllt würde, was gesagt wurde durch den Propheten Jesaja. Da heißt es nämlich: das Land am Meer, das Land jenseits des Jordans, das heidnische Galiläa, das Volk das im Finsteren saß, hat ein großes Licht gesehen, und denen, die saßen am Ort und im Schatten des Todes, ist ein Licht aufgegangen. Seit der Zeit fing Jesus an zu predigen: Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen.

Nazareth war die schöne Heimat Jesu, da war er aufgewachsen, da kannte er alles, da hatte er seine Wurzeln. Nun war Nazareth auch nicht gerade der Nabel Israels damals, es war auch einigermaßen verrufen. Aber dass Jesus nun seinen Wohnsitz nach Kapernaum verlegt, das war nun sozusagen der Umzug in die Finsternis.

Galiläa, das war für den frommen Juden eine dunkle, verrufene Landschaft. Jerusalem, das war was, und das Land drum herum. Judäa, da wohnten die Frommen. Aber Galiläa stand jahrhundertelang schon unter heidnischen Einflüssen. Da brachen immer die Feinde ein und hinterließen ihre Spuren, auch ihr Gedankengut. Da wohnten Leute, die nun wirklich am Rand des Glaubens standen. Von da konnte nichts Gutes kommen, von da war noch nie etwas Gutes gekommen.

Ich habe eine Zeit lang in Erlangen studiert, da gab es auch viele Württemberger, und die schauten mich immer ganz mitleidig an, wenn ich meinen Mund aufmachte - denn ich kann den Norddeutschen ja nicht ganz verheimlichen – ach ja, ihr da oben, ihr heidnischen Nordelbier, gibt es bei euch überhaupt richtige Kirchen?

Ein finsteres Land dieses Galiläa, wer konnte, hielt sich fern davon, um nicht mit in den heidnischen Sog hineingezogen zu werden. Jesus geht direkt dort hin. Das ist eine Botschaft, liebe Gemeinde, das ist eine Mission. Gott fängt sein Werk mit ihm an, wo es dunkel ist. Dort wo die Menschen abgehängt sind, wo geradezu die Finsternis herrscht, wo der Schatten des Todes alles dunkel macht, wo nichts mehr blühen kann, nichts mehr aufbrechen wird. Dorthin geht Gott in Jesus. Dort fängt alles an. Das ist ein Programm, das Jesus hier lebt. Nicht dort, wo vermeintlich alles heil ist, bleibt Gott. Jesus geht nicht, um Priester im Allerheiligsten in Jerusalem zu werden. Er verlässt Nazareth, um in die Gegend am See Genezareth zu ziehen. Dort predigt er sein Evangelium. Dort sucht er sich die, mit denen er gemeinsam die Botschaft von der Liebe Gottes verkünden will. Licht in der Finsternis.

Wir Hamburger, liebe Gemeinde, sind nur Christern, weil sich damals mutige Leute aus der Bremer Gegend aufmachten, um hier Mission zu betreiben.

Ansgar war unser erster Bischof, der große Missionar des Nordens. Aber als Hamburg gegen die Wikinger nicht mehr zu halten war, wurde das Doppelbistum Bremen-Hamburg gegründet. Vom sicheren Bremen aus wurden hier wieder neue Anfänge gemacht.

Dass Gott in Jesus dorthin geht, wo die sind, die fern von ihm sind, das war schon immer der Antrieb der Christen. Dorthin zu gehen, wo Gott gebraucht wird, wo seine Liebe gebraucht wird. Nicht stehen zu bleiben da, wo alles in Ordnung ist. Sich nicht zufrieden zu geben mit gemütlicher Ruhe, sondern das Evangelium dort zu verkünden, wo Menschen sind, die sich sehnen nach Gott und nicht wissen wie sie ihn finden sollen. Ob nun in Bremen oder in Hamburg oder an ganz anderen Orten. Es ist die Mission Gottes, aufzubrechen an die dunklen Orte, Menschen zu sich zu holen, die fern sind. Und so, liebe Gemeinde, hat er ja auch uns angetroffen: Menschen, die durchaus nicht durch und durch den Willen Gottes erfüllen. Aber er ist gekommen zu uns, um uns zu rufen, um mit uns zu sein, um Licht unseres Lebens zu sein, um uns heraus zu holen aus dem Schatten des Todes und uns in das Licht Gottes zu stellen.

Und deshalb ist es von alters her das Anliegen der Christen, das was sie für ihr eigenes Leben erfahren haben, dieses wunderbare Ins-Licht-gestellt-Sein, weiterzugeben. Die Welt ist eine von Gott geliebte, auch die Welt da draußen. Von Hamburg aus gesehen: selbst Bremen. Und von Bremen aus gesehen: selbst Hamburg. Manchmal, auch das muss man natürlich sagen, neigen wir in der Kirche auch dazu, uns an uns selbst genügen zu lassen, und immer dann wird es gefährlich für uns. Denn dann entfernen wir uns von unserem Auftrag.

Sie, Frau Joachim, haben nun 20 Jahre lang hier daran Teil gehabt, die Botschaft Jesu unter Kinder und Jugendlichen weiterzusagen. Menschen in die Gemeinde Jesu Christi hineinzuholen, die es dringend brauchten, ein Wort des Lebens über sich zu hören. Einen Menschen an der Seite zu haben, der ihnen zutraut, seinerseits etwas weiterzugeben. So habe ich in dem halben Jahr, das wir beide zusammenarbeiten, jedenfalls ihren Dienst verstanden. Kindern und Jugendlichen zuzutrauen, dass sie selbst Botschafter des Lebens sein können, dass sie hier eine Heimat haben, einen geschützten Ort. Und dass sie von hier aus aufbrechen können an Orte unserer Stadt, die von Jesus Christus sonst wenig erzählen.

Und so seid ihr ja heute auch hier, ihr aus unserem Ehrenamtlichenteam, und gestaltet diesen Gottesdienst mit. So wie ihr ja auch sonst unser Gemeindeleben so wunderbar mitgestaltet. Ich finde euren Einsatz großartig. Konfirmandenunterricht, Kröten, Kindergottesdienst, Freizeiten, überall seid ihr mit dabei. Einige von Euch ja auch in unseren Chören. Für manche von euch, so habe ich manchmal das Gefühl, ist das Gemeindehaus ein Ort, an dem ihr vier Tage in der Woche seid oder noch mehr. In alldem habt ihr Teil an unserem Auftrag als Kirchengemeinde, dass wir weitertragen die Botschaft von Jesus, dass Gott diese Welt liebt, jeden einzelnen Menschen. Dass wir hingehen wo Menschen dieses Wort brauchen, damit auch ihnen ein Licht aufgeht und sie merken, dass sie ein Leben im Licht führen können.

Jesus nimmt Wohnung in Kapernaum, er nimmt Wohnung mitten unter uns in seinem Wort, in der Taufe, im Abendmahl. Greifbar will er sein, nahe, ganz direkt da. Hier dürfen wir für uns seine Nähe erfahren und dann weitergehen und diese Nähe Menschen bringen, die sie brauchen. Unser Glaube, liebe Gemeinde, will leibhaft gelebt sein, er will uns ganz durchdringen, er will nicht Gedankenkonstrukt bleiben, sondern eine tägliche Wirklichkeit unseres Lebens sein. Das Reich Gottes besteht darin, dass Menschen die Hingabe Jesu für sich annehmen. „Kehrt um“ ist die Botschaft Jesu, kehrt um von eurem Weg, auf euch allein zu vertrauen, alles von euch zu erwarten. Kehrt um und lasst euch von mir ins Licht stellen, groß machen. Seht euch an als Menschen, die von mir geliebt sind, als Menschen die im Licht stehen.

Sie haben hier mitgearbeitet daran, dass Menschen im Licht stehen konnten, und nun werden Sie an anderer Stelle daran mitarbeiten. Aber hier wie dort ist es der gleiche Auftrag, den wir nie vergessen dürfen. Dass wir nicht für uns da sind, dass wir nicht dafür da sind, es uns hier so schön wie möglich einzurichten, sondern dass wir dazu da sind, zu denen zu gehen, denen noch kein Licht aufgegangen ist in ihrem Leben.

Das, liebe Gemeinde, ist nicht der Auftrag der hauptamtlichen Mitarbeiter allein, sondern es ist der Auftrag, den wir alle haben als Christen. Immer wieder neu die Wege zu suchen, das Evangelium zu leben. Klassenkameraden ins Licht zu stellen, da wo andere sie klein machen. Am Arbeitsplatz einzutreten für Gerechtigkeit, für Aufrichtigkeit. In den Familien so zu leben, dass sie Orte der Geborgenheit sind. Und in unserer Gemeinde ein Ort zu sein, an dem Licht ausstrahlt, an dem man sich wärmen kann, an dem man Christus begegnet.

Wir lassen Sie heute ziehen unter dem Segen, Frau Joachim. Auch an neuer Stelle sollen Sie wissen, dass Sie eine sind, die Gott in sein Licht stellt. Und dann bitten wir ihn, dass er auch denen da draußen am Meer, jenseits der Elbe, durch Sie sein wunderbares Wort sagt: Siehe ich verkündige Euch große Freude, denn Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus der Herr, so wie es hier mal losging. Überall geht Christus hin, nach Kapernaum, nach Bremen und selbst zu uns. Gott sei Dank.

Amen.

 

 

Die Predigt hielt Pastor Johannes Kühn